USA: Bittere Armut, süße Hoffnung


 
 
 

Jennifer Clement erzählt vom Aufwachsen in einem amerikanischen Trailerpark.

Wo die Waffen sprechen, endet die Macht der Worte. Doch Worte sind fast alles, was der vierzehnjährigen Pearl von ihrer Mutter geblieben ist. Am Rande eines Trailerparks, nicht in einem Wohnwagen, sondern in einem alten Mercury, hatte diese jugendliche Ausreißerin ihre Tochter großgezogen. Immer in Angst vor dem Jugendamt, aber zu arglos gegenüber dem Texaner Eli und auch gegenüber einem jungen Schicksalsgenossen, der eines Tages mit einer Pistole vor ihr stand: „Meine Mutter lief direkt in die Kugeln hinein, als liefe sie an einem heißen Julitag in Florida in das Wasser einer Sprinkleranlage“, sagt Pearl. Wem das wie eine seltsame Mischung aus Grimm’schen Märchen und Country-and-Western-Songs vorkommt, der liegt nicht falsch.

Sie sei „mit Liebesliedern großgezogen“ worden, sagt die Erzählerin: „Meine Mutter hatte mir so gut wie nie etwas gekauft, aber sie hatte mich mit ihren Worten und Liedern überhäuft.“ Deshalb sei sie „wie ein Lexikon, all ihr Geplapper und ihre Hoffnungen einer jungen Mutter steckten in mir“. Doch alle Liebeslieder und „Geburtstagskerzen-Wünsche“ hatten nichts daran ändern können, dass der Trailerpark am Rande einer Müllkippe lag und dass man in der von dessen Ausdünstungen verpesteten Gegend siamesische Alligatorzwillinge und eine zwölfbeinige Eidechse fand. Dessen wenige Bewohner waren alles andere als Glückskinder: Die ehemalige Lehrerin Mrs. Roberta Young war durch die tödliche Erkrankung ihres Mannes verarmt, und ihre dreißigjährige Tochter Noel war zwar ein technisches Genie, konnte aber „nicht mit Worten ausdrücken, was sie mit dem Kopf machte.“ Noel sammelte Barbiepuppen und Glückskekssprüche, die sie auswendig lernte, und Sergeant Bobs Tochter April May, Pearls einzige Freundin, hatte für jeden einen Spitznamen. Der etwas undurchsichtige Pastor Rex wiederum war ein Kircheninnovator, der das „Drive-in-Gebet“ erfunden und die Kampagne „Gebt Gott Eure Waffen“ ins Leben gerufen hatte, die für Pearl in gleich mehrfacher Hinsicht schicksalhafte Folgen haben sollte. Gott hat diese Waffen nie zu sehen bekommen, weil sie in Richtung Mexiko verschwanden.

Noch undurchsichtiger aber war jener Eli, in den sich Pearls Mutter verguckt hatte: „Ich kann nicht in ihn hineinsehen“, hatte sie einmal beunruhigt gesagt, und zuvor etwas noch Beunruhigenderes: „Worte bedeuten nur etwas, wenn sie wahr sind“. Hier liegt der Angelpunkt dieses Romans, der mit zuckersüßen Worten eine Geschichte beginnt, die auf harten sozialen Realismus hinausläuft. Sie sei keine verschollene Verwandte und auch keine Mary Poppins, sagt die Sozialarbeiterin, die Pearl nach dem Tod ihrer Mutter zunächst beim alten jüdischen Pflegevater Mr. Brodsky zwischenparkt. Das sind wahre Worte aber keine tröstlichen, während dieser Roman nach tröstlichen Worten sucht, die auch wahr sind. Waffen sind hier omnipräsent, sie bewahren diese sentimentale, romantische Suche davor, kitschig zu werden.

Der Aufenthalt in Brodskys Haus bildet dann eine weitere Stufe in Pearls Entwicklung, denn hier begegnet sie zugleich der weisesten und der naivsten Gestalt des Romans. Sie beide seien vom „Stamm der Träumer“ hatte Pearls Mutter einmal gesagt: „Als Mr. Brodsky sagte, Träume seien besser als das Leben, wusste ich, dass er einer von uns war.“ Sein Arbeitszimmer ist voller alter Fotos aus Europa, zu Pearl sagt er: „Das Schlimme mit alten Fotos ist, dass man weiß, was danach passiert ist.“

Sein Schützling Helen schließlich ist schwarz, acht Jahre alt, sieht aus wie fünf und ist die Einzige, die ein Heckenschütze von ihrer Familie übrig gelassen hat. „Helen redete ununterbrochen.“ Helen ist eine literarische Verwandte jenes kleinen Pip, der in „Moby Dick“ ganz allein auf hoher See seinen Verstand, aber nicht die Wörter verloren hat: „Helen liebt Küsse auf die Stirn. Manchmal will sie für immer schlafen und sie hätte nichts dagegen, schwanger zu sein.“

Helen sagt alles und auch das Gegenteil, scheinbar ohne Sinn und Verstand. Es ist, als probiere sie alle Sätze dieser Welt aus, um so jenes Zauberwort zu finden, das ihr die Wahrheit sagen, ihr Schicksal erklären, ihr Trost spenden könnte. Oder was immer auch Wörter vermögen.

Jennifer Clement: Gun Love. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Suhrkamp, Berlin 2018. 251 Seiten, 22 Euro.