Ein Grab in Manhattan? Nur mit Ruhm – oder sehr viel Geld


 
 
 

USA / New York – Mitten im New Yorker East Village, direkt an der First Avenue, wird Caroline DuBois eines Tages unter der Erde liegen. «Gruft Nummer 54, direkt unter der eisernen Bank da hinten», sagt die grauhaarige Frau und lächelt. «Ich liebe die Vorstellung, es ist so schön und so friedlich hier.» Die Familie von DuBois stammt ursprünglich aus Frankreich und wanderte vor rund 350 Jahren in die USA aus. Schon ihre Urururur-Großeltern liegen in Gruft Nummer 54 auf dem kleinen «Marble Cemetery» begraben, ebenso die Ururur-Großeltern, Cousins und Cousinen.

Die Familiengruft bietet DuBois einen Luxus, den nur wenige haben: eine Grabstätte in Manhattan. Viele New Yorker und Fans der Stadt wünschen sich das, aber die Insel ist dicht zugebaut und Grundstücke sind teuer. Nur wenige Friedhöfe haben das überstanden und auf den allerwenigsten finden noch Beerdigungen statt. Selbst in den äußeren Stadtbezirken Queens, Bronx, Brooklyn und Staten Island werden die Grabstätten langsam knapp – und immer teurer.

Die bisher letzte Erdbestattung in Manhattan fand auf dem Friedhof der Trinity Church im nördlichen Stadtteil Washington Heights statt, der sich als «einziger aktiver Friedhof in Manhattan» bezeichnet. Die wenigen verbliebenen Grabstätten sind allerdings für Stars oder Lokalhelden reserviert. So hatte sich der frühere Bürgermeister Ed Koch schon 2008 für 20.000 Dollar ein Grab auf dem Friedhof gekauft. «Die Vorstellung, Manhattan für immer zu verlassen, beunruhigt mich», sagte er. Fünf Jahre später wurde er dort bestattet.

«Genetisches Glück» habe sie wohl gehabt, sagt die Physiotherapeutin Laura Nicholson, die mehr als 40 Jahre im East Village gelebt hat und eines Tages in Gruft Nummer 4 auf dem «Marble Cemetery» beerdigt werden wird, vorne beim Eingang. «Ich mache immer Witze und sage, dass ich gerne ganz vorne bin», sagt Nicholson. Sie hat wohlhabende Vorfahren, die hier einst bei der Eröffnung des Friedhofs 1830 eine Gruft gekauft haben – genau wie die Ahnen von Caroline DuBois. Für 250 Dollar, damals recht viel Geld, gingen die 156 unterirdischen Familiengrüfte, in die jeweils rund 40 Tote passen, über Nacht weg.

Im 20. Jahrhundert verfiel der Friedhof aber langsam, 1937 fand die bislang letzte Beerdigung statt. In den vergangenen 20 Jahren setzte sich dann eine Gruppe Freiwilliger mit DuBois an der Spitze für die Restaurierung des «Marble Cemetery» ein, gärtnerte, pflanzte und räumte auf, sodass die Grünfläche nun hin und wieder für Besucher geöffnet werden kann. Die können dann auf dem «Dachgarten» der Grüfte, wie DuBois es nennt, picknicken oder sich sonnen.

Gemeinsam hat die Gruppe der freiwilligen Verwalter auch aufwendige Ahnenforschung betrieben und dabei herausgefunden, dass Familien, denen zwei der Grüfte gehörten, ausgestorben sind. Zwei Familiengräber mitten in Manhattan sind damit zu verkaufen – eine Seltenheit. «Da hinten, die Grüfte unter den Maulbeerbäumen, wo die Leute picknicken», sagt DuBois. Aber es gibt natürlich einen Haken: Happige 350.000 Dollar (rund 300.000 Euro) kostet jede Gruft. «Außerdem muss sie von einer Familie für die Familie gekauft werden.»

Wohl deswegen sei das Interesse bislang eher verhalten, mutmaßt DuBois. «Die Menschen reden auch einfach nicht gerne darüber, ein Grab zu kaufen.» Dabei würden sie sogar reiche Investoren und Börsenmakler, die im traditionell eher linken East Village sonst verpönt sind, begrüßen, sagt Friedhofskollegin Nicholson. «Es wäre großartig, wenn wir ein paar gierige Immobilienhaie hätten, die sich um die Grüfte reißen würden, oder eine Hedgefonds-Heuschrecke, die ein ganz spezielles Stück New York erwerben will – denn das Geld würde ja komplett in die weitere Reparatur und Erhaltung des Friedhofs gehen.»